Ulm: Modellprojekt zum "Beaufsichtigten Umgang" Ben möchte Papa wiedertreffen, aber nur unter Aufsicht

Wenn bisher ein Familiengericht "Begleiteten Umgang" anordnete, ging es vor allem um das Umgangsrecht der Eltern. Die Kinder wurden dabei nicht berücksichtigt. Das hat sich geändert.

trauriges Kind (Foto: SWR)

Bens Papa war betrunken als er die Wohnungstür zertrümmerte und Ben gegen die Wand schleuderte. Die Nachbarn riefen die Polizei. Damals war Ben fünf. Nach seiner Haftstrafe stellte der Vater einen Antrag auf Umgang. Der Richter betonte das Recht des Vaters und entschied zum Schutz des Kindes auf "Begleiteten Umgang". Ben wurde nicht gefragt. Die Mutter machte sich große Sorgen. Die Eltern wurden daraufhin einzeln beim Kinderschutzbund Ulm/Neu-Ulm beraten. Inzwischen sind zwei geschulte Umgangsbegleiterinnen dabei, wenn Ben den Papa trifft. Der Junge hat zusätzlich eine eigene Beraterin , die vorher und nachher mit ihm über die Begegnungen spricht. Ihr vertraut Ben sich allmählich an. Er möchte den Papa treffen und er möchte, dass der Papa „nicht haut, keine Tassen zerschlägt und ihn nicht anschreit“. Das erste Treffen gelingt, Stück für Stück nähern sich Vater und Sohn wieder an. Bens Papa hat sich nun zu einem Anti-Aggressiontraining angemeldet, "Für Ben, damit er keine Angst mehr haben muss"…

Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt

fröhliche Familie (Foto: SWR)

"Kein anderes Projekt hat unsere Arbeit der letzten Jahre so grundlegend verändert! Die Bedürfnisse der Kinder sind der Ausgangspunkt unserer Arbeit geworden", so die Geschäftsführerin des Deutsches Kinderschutzbundes Ulm/Neu-Ulm. Für Trennungsfamilien, bei denen Gewalt oder Missbrauch im Spiel war, wurde in den letzten drei Jahren mit Unterstützung von Herzenssache ein ganz neues Konzept entwickelt, der sogenannte "Beaufsichtigte Umgang". Neben der individuellen Beratung  für Kind und Eltern begleiten zwei ehrenamtliche Begleiterinnen die Treffen. Diese Treffen finden unter der Aufsicht von zwei geschulten, ehrenamtlichen Begleiterinnen statt. Zusätzlich bekommen das Kind und die Eltern je eine Beraterin, die sie auf die Treffen vorbereiten. Die Wünsche und Bedürfnisse, aber auch die Ängste der Kinder werden jetzt in die Gestaltung der Treffen einbezogen.
Die Qualität dieses besonderen Angebotes hat sich herumgesprochen, auch Familienrichter klopfen an und fragen danach. Die Jugendämter übernehmen aber nur die Kosten für die ehrenamtlichen Umgangsbegleiterinnen, nicht für die Beraterinnen für Eltern und Kind. Nun soll der Beaufsichtigte Umgang in Ulm weiter ausgebaut und in weiteren Kinderschutzbund-Einrichtungen nach dem Ulmer Vorbild umgesetzt werden, zunächst in Stuttgart und einer weiteren Stadt in Baden-Württemberg. Herzenssache will einspringen und erneut die Finanzierung für die nächsten drei Jahre sicher stellen.

Herzenssache fördert dieses Projekt, weil…

  • bundesweit jährlich tausende Kinder Opfer von Gewalt werden (Quelle: Kriminalstatistik 2017)
  • insgesamt rund 250 Kinder von dem Angebot profitieren
  • in den  letzten drei Jahren hier ein einzigartiges Modellprojekt entwickelt wurde
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