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Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in dieser langanhaltenden und schwierigen Zeit. Herzenssache hat in Förderprojekten nachgefragt und recherchiert, was Experten sagen.

Beispiel-Chatverlauf Krisenchat (Foto: Herzenssache)
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Es ist 22 Uhr, Beraterin Nadine hat Spätschicht. Per WhatsApp meldet sich Lisa: „Hallo, ich heiße Lisa und ich bräuchte mal jemanden zum Reden.“ Nadine begrüßt die junge Frau: „Hallo, ich bin Nadine und sehr gerne heute Abend für Dich da. Magst du mir ein bisschen mehr erzählen, worum es geht?“ Lisa leidet schon immer unter ihrer Schüchternheit. Sie hat ständig das Gefühl, dass ihr etwas Peinliches passieren kann. Die letzten Monate im Homeschooling waren für sie angenehmer, da sie vielen Situationen aus dem Weg gehen konnte. Doch morgen muss sie wieder zur Schule und ist beunruhigt! Was nun?

24/7 - Krisenchat.de ist immer erreichbar

Lisas Anfrage ist eine von gut 15.000, die bei Krisenchat.de seit der Gründung im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 eingegangen sind. Besonders spätabends und nachts kochen die Sorgen bei jungen Leuten hoch, doch da sind praktisch alle Beratungsangebote offline. Anders beim Krisenchat, einem jungen Sozialunternehmen aus Berlin, das 24 Stunden lang an 7 Tagen die Woche per Chat erreichbar ist. Herzenssache fördert die zeitgemäße Chatberatung mit der Finanzierung einer Stelle, die drei Jahre lang eine Ausweitung im ganzen Südwesten ermöglicht.

Etwa jedes dritte Kind reagiert auf den Stress, andere kommen erstaunlich gut klar

“Was wir in unserer Forschung gesehen haben, ist, dass Kinder und Jugendliche in der Pandemie wie die Erwachsenen auch mit psychischer Belastung reagieren.” weiß Silvia Schneider, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie. In einem Interview auf den Seiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sagt sie. “Kinder sind emotional labiler, sie weinen leichter oder reagieren mit Rückzug, wachsen nachts häufiger auf. Das alles sind Hinweise, dass die Kinder belastet sind”. Die Professorin geht davon aus, dass jedes dritte Kind auf diesen Stress reagiert. Doch andere managen die Belastung zusammen mit den Eltern ziemlich gut: Dabei zeigt sich: die psychische Befindlichkeit steht im Zusammenhang mit der der Eltern. Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut und umgekehrt.

“Nach eineinhalb Jahren Lockdown ist die Lage dramatisch”

“Familien, die vor der Krise schon gut klargekommen sind, schaffen es auch jetzt, sich Quality-Time einzurichten und das Beste aus der Situation zu machen. Aber Familien, die schon vor der Pandemie kein Familienglück zu Hause hatten, die haben es jetzt erst recht nicht. Denen müssen wir von außen etwas anbieten", sagt Prof. Sabina Pauen, Entwicklungspsychologin von der Uni Heidelberg und Mitglied im Herzenssache-Beirat. "Nach eineinhalb Jahren Lock Down ist die Lage dramatisch, die Langzeitkonsequenzen sind nicht absehbar," so ihre Einschätzung.

60% mehr Anfragen bei den Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten

Das drückt sich auch in Zahlen aus: “Die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen hat zugenommen“, sagt Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV). In einer Blitzumfrage gaben die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut*innen an, dass es im Vergleich zum Vorjahre 60 % mehr Anfragen gab. Der Vorsitzende der Vereinigung rät dringend dazu, hinzuschauen: „Nach Corona darf der Fokus nicht nur auf dem versäumten Schulstoff liegen. Kinder müssen psychisch gestärkt werden und ausgiebig Zeit für Spiel, Sport, Kultur und soziale Interaktion erhalten, um die Monate eingeschränkter Kontakte auszugleichen“.

Jeder Zweite leidet an einer depressiven Verstimmung, jeder Siebte an Suizidalität

Zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen kommt auch Paul Plener, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien. Er hat in einer Studie die psychischen Auswirkungen der Pandemie auf Jugendliche unter 14 untersucht. Demnach leidet gut jeder Zweite an einer depressiven Symptomatik, an Angststörungen, jeder Siebte sogar an Suizidalität. In einem Interview mit der Wochenzeitung “Die Zeit” (Ausgabe 11/2021) beschreibt Plener, wie schlimm es ist, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie in solch einer angespannten Lage Klienten wegschicken muss. Doch schon unter “normalen” Bedingungen gibt es hier nicht zu wenig Plätze. Die Pandemie verschärft das Problem.

Schulische Betreuung und soziale Unterstützung von Eltern mit chronisch kranken Kindern unzureichend

Adrian wird von seiner Mutter getröstet (Foto: Herzenssache)
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In der Kindernetzwerkstudie Covid-19 unseres Förderpartners Kinder- und Jugendklinik Freiburg wurden rund 1.600 Menschen mit Kindern unter 18 befragt. Davon haben gut 40 % mindestens ein Kind mit einer chronischen Erkrankung oder einer Behinderung. In der ersten Zeit sind vor allem unterstützende Therapien wie Frühförderung, Ergo- und Physiotherapie weggefallen. 60 % der Eltern empfinden die schulische Betreuung als unzureichend (48% bei den Eltern gesunder Kinder), die soziale Unterstützung erleben 41 % der Eltern als unzureichend (28% bei den Eltern gesunder Kinder).

Dabei kommen viele dieser Familien noch ganz gut klar, findet Elisabeth Schuh aus unserem langjährigen Herzenssache-Projekt Brückenpflege der Nestwärme e.V. in Trier. “Familien mit einem schwerkranken Kind sind es gewohnt, dass sie nicht aus dem Haus kommen, sie kennen das mit der Isolation. Neu ist für sie jetzt nur, dass auch die Geschwisterkinder kaum noch rauskommen”.

Notfallstrategien für den nächsten Tag

Zurück zu Krisenchat.de Inzwischen ist es fast halb elf. Lisa hat der Austausch gutgetan, sie hat sich beruhigt. Beraterin Nadine fasst zusammen und schreibt in den Chat: “Liebe Lisa, du warst heute sehr mutig, dass du deine Sorgen ernst genommen hast und dich hier gemeldet hast! Es steht ein großer Tag morgen an und das hat dich sehr verunsichert. Jetzt hast du schon einen guten Plan gemacht, was dich morgen unterstützen kann und du hast Strategien für den Notfall.” Lisa antwortet: „Danke, ich habe zwar immer noch Bammel vor morgen, aber glaube so kann ich es versuchen. Kann ich mich sonst morgen nochmal hier melden?“ Nadine: „Das ist toll, dass du die Situation jetzt so sehen kannst, du kannst dich jederzeit bei uns melden. Ich wünsche dir erstmal alles Gute und viel Kraft morgen und jetzt eine gute Nacht!“

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