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Corona wirkt auch auf die Jüngsten, das zeigen jetzt schon erste Studien. Doch was bedeutet das konkret in der Praxis? Wir haben in unseren Fördereinrichtungen nachgefragt. 

"Ich habe Angst davor, nie wieder in die Schule gehen zu können und dass es irgendwann keine Menschen mehr gibt."

So steht es in Kinderschrift auf einem der Klebezettel in der Kinderwerkstatt Eigen-SINN in Freudenstadt. Eine schlichte Pappwand macht deutlich, wie sehr das Corona-Virus in das Leben von Kindern eingeschnitten hat: Hier haben Mädchen und Jungen ihre Sorgen, Ängste und Nöte in schlimmer Zeit notiert.

Ein Pädagoge hat diese Sorgenwand mit Kindern zwischen sieben und 17 Jahren gestaltet. Sie besteht aus weißen Pappschachteln, in die die Kids ihre Sorgen "packen" konnten. Herzenssache hat die Kinderwerkstatt im Rahmen von "Mach’ Deine Herzenssache!" in diesem Jahr mit 3.000 Euro unterstützt, um Kinder unter anderem durch Erlebnisse in der Natur zu stärken.

Sorgen-Wand des Herzenssache-Projekts Eigen-Sinn e.V. (Foto: Herzenssache)
Herzenssache

Auch in unserer Herzenssache-Einrichtung Kinderklinik der Zukunft in Freiburg interessieren sich die Verantwortlichen dafür, was die Corona-Krise mit Kindern macht. Derzeit untersucht das Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, wie sich die Pandemie auf Kinder und Jugendliche mit und ohne chronische Erkrankungen auswirkt. Die Online-Befragung dazu läuft noch bis zum Herbst 2021.

"Aus Angst vor der Infektion lassen viele Familien mit einem schwerkranken Kind keine Helfer mehr ins Haus."

Fragt man diejenigen, die ganz nah an den Familien dran sind, gibt es jetzt schon eine Antwort: "Aus Angst vor der Infektion lassen viele Familien mit einem schwerkranken Kind keine Helfer mehr ins Haus, die brauchen dringend Entlastung", warnt Elisabeth Schuh vom ambulanten Kinderhospizdienst Nestwärme in Trier, ebenfalls einem der Herzenssache Erfolgs-Einrichtungen.

Säugling vom Herzenssache-Projekt Nestwärme in Trier (Foto: Herzenssache)
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Offenbar mehr Gewalt gegen Kinder

Fragt man weiter, ist die Sorge unter den Fachleuten groß, dass die Überforderung und Ohnmacht vieler Eltern während der Kontaktbeschränkungen in Gewalt gegen die Kinder umschlägt. Auch dazu gibt es bereits Erhebungen, doch die Ergebnisse sind nicht eindeutig: Statistisch gesehen, gibt es bislang keine Hinweise auf einen Anstieg häuslicher Gewalt gegen Kinder, doch selbst das Familienministerium äußert sich skeptisch gegenüber den erhobenen Daten und geht von einer hohen Dunkelziffer aus.

"Kinder haben uns angerufen, wenn sich die Eltern massiv gestritten haben."

Leider bestätigen auch diejenigen, die täglich mit den Kinderschutzfällen zu tun haben, das Bauchgefühl: In der Herzenssache-Einrichtung beim Kinderschutzbund in Ulm klingelte während der Ausgangsbeschränkungen oft das dafür eingerichtete Hilfetelefon. Überforderte Eltern, Nachbarn, die Gewalt gegen Kinder beobachtet hatten, aber auch Kinder selbst meldeten sich, so Leiterin Bettina Müller: "Kinder haben uns angerufen, wenn sich die Eltern massiv gestritten haben. Da hatten wir das Gefühl, die Kinder hatten richtig Panik, dass Mama oder Papa etwas passiert." Ebenfalls aus Ulm kamen alarmierende Erfahrungsberichte der Uniklinik, dort hatten Ärzte Erfahrungsberichte veröffentlicht, weil sie häufig Verletzungen bei Kindern behandelten, die auf häusliche Gewalt schließen ließen.

Kinderarmut spitzt sich weiter zu

Corona wirkt wie ein Brennglas, kein Wunder also, dass sich die Situation auch beim Dauerthema Kinderarmut weiter zuspitzt. Bundesweit ist unverändert jedes fünfte Kind betroffen, in Baden-Württemberg liegt die aktuelle Quote bei 8 Prozent, in Rheinland-Pfalz bei 11 Prozent, im Saarland bei 20 Prozent. Konkret bedeutet das, dass jedes vierte Kind in Deutschland zu Hause keinen internetfähigen PC, jedes siebte keinen ruhigen Platz zum Lernen hat. Fast jedes zweite Kind wohnt in einer Wohnung, in der nicht ausreichend Zimmer zur Verfügung stehen.

Junge sitzt gebeugt auf einem Stein (Foto: DKSB/Susanne Tessa Müller)
DKSB/Susanne Tessa Müller

"In dieser Gruppe haben es die Alleinerziehenden besonders schwer, da sie häufig mit ihren Kindern in beengten Wohnungen leben, auf keinen Fall ausfallen dürfen und auch noch befürchten müssen, ihren Job zu verlieren", sagt Monika Wilwerding aus der Herzenssache-Einrichtung Verband Alleinerziehender Mütter und Väter in Mainz. In Baden-Württemberg ist dies jede siebte Familie, in Rheinland-Pfalz knapp jede fünfte, im Saarland gut jede fünfte. Herzenssache hilft auch hier, denn gut 40 % der Alleinerziehenden sind armutsgefährdet und in der aktuellen Krise schnell am Limit.

Mit unserer Botschaft "#herzenssache - helfen tut gut" möchten wir zeigen, dass jeder etwas dagegen tun kann und dass Helfen glücklich macht. Unsere neuen Kinderhilfsprojekte tragen dazu bei, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in dieser besonderen Zeit Hoffnung zu schenken. Trotz Corona und stetiger Ungewissheit soll jedes Kind vor unserer Haustür die Chance haben, glücklich aufzuwachsen. Das ist unsere Vision und dafür stehen wir mit unserem Netzwerk der Hilfe.

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