STAND

Der Jugend- und Bildungsforscher Professor Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche. Die Pandemie wird „soziale Narben“ hinterlassen, warnt er. Herzenssache hat nachgefragt!

Herr Prof. Hurrelmann (Foto: Hertie School)
Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Hurrelmann Hertie School

Wie viele und welche Kinder und Jugendliche sind durch die Covid-19-Pandemie besonders gefährdet?

"Es liegen Studien zu den Einbrüchen bei den Schulleistungen vor, wonach etwa 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler deutlich zurückgefallen sind. Dabei handelt es sich in besonders hohen Ausmaß um Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, in denen die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage waren und sind, ihre Kinder bei den schulischen Aufgaben aktiv zu unterstützen. Dramatisch wird es für diese Kinder und Jugendlichen bei Übergängen, zum Beispiel in die weiterführende Schule oder in die berufliche Ausbildung. Hier kann es zu erheblichen Benachteiligungen und Blockaden kommen."

Wie wirkt sich die Corona Pandemie auf die Persönlichkeitsentwicklung dieser Kinder und Jugendlichen aus?

"Aktuelle Studien zeigen, dass ungefähr ein Drittel der Kinder und Jugendlichen unter starken psychischen Störungen leiden."

"Der Einbruch bei den Schulleistungen ist meist verbunden mit Problemen der gesamten Persönlichkeitsentwicklung. So strahlt das Scheitern im Leistungsbereich bei vielen Kindern auf das psychische Selbstvertrauen und die soziale Kontaktsicherheit aus. Aktuelle Studien zeigen, dass ungefähr ein Drittel der Kinder und Jugendlichen unter starken psychischen Störungen leiden. Insgesamt beeinträchtigt die Pandemie mit ihren Kontakteinschränkungen Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung all ihrer Entwicklungsaufgaben, darunter besonders im Bereich der Beziehungsgestaltung und der Werteorientierung."

Warum sind gerade die Jungs und jungen Männer die Verlierer der Pandemie?

"Vor allem diejenigen junge Männer sind benachteiligt, die an einem traditionellen Männerbild hängen und davon ausgehen, per se das dominante Geschlecht zu sein."

"Unter den Benachteiligten sind vor allem junge Männer. Sie leiden unter der fehlenden Struktur durch den Ausfall des geregelten Schulbetriebes und tun sich sehr schwer mit den hohen Anforderungen an Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, die in den letzten Monaten an sie gerichtet waren. Vor allem diejenigen junge Männer sind benachteiligt, die an einem traditionellen Männerbild hängen und davon ausgehen, per se das dominante Geschlecht zu sein. In einer Krisensituation bricht ihr Selbstvertrauen völlig ein."

Was kann Herzenssache tun, um den Betroffenen jetzt konkret zu helfen und das “Leid der Generation Corona“ zu mindern?

"Alle Kinder und Jugendlichen, ganz besonders natürlich die benachteiligten, brauchen jetzt schnelle und zuverlässige Hilfe. Im Leistungsbereich geht es darum, wieder Selbstvertrauen und Arbeitsrhythmus aufzubauen. Das muss aber eingebettet sein in eine gute und sichere soziale Umgebung. Das entscheidende ist es, den Kindern und Jugendlichen das Gefühl zurückzugeben, ihr eigenes Leben selbst gestalten zu können. Es kommt also darauf an, die Fähigkeit zur Selbstdisziplin und Selbstkontrolle zu stärken."

Mehr zu diesem Thema

Teil 1 Kinder und Jugendliche in der Krise

Corona wirkt auch auf die Jüngsten, das zeigen jetzt schon erste Studien. Doch was bedeutet das konkret in der Praxis? Wir haben in unseren Fördereinrichtungen nachgefragt.  mehr...

Teil 2 Kinder und Jugendliche in der Krise

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in dieser langanhaltenden und schwierigen Zeit. Herzenssache hat in Förderprojekten nachgefragt und recherchiert, was Experten sagen.  mehr...

STAND
AUTOR/IN